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Was macht man, wenn die Gegenpartei querulantisch ist?

Gibt es den echten Querulanten? Es gibt wahrscheinlich an keinem Ort mehr Querulanten als in den Anwaltskanzleien.

Unzählige Male hören wir diese Erklärung für das Enstehen eines Konfliktes: “Die Gegenpartei ist ein Querulant”.

Immer die Gegenpartei.

Trotzdem: In all diesen Jahren meiner Anwaltstätigkeit kann ich nicht mit der Hand auf dem Herzen sagen, auch nur einen einzigen “sicheren” Querulanten getroffen zu haben.

 Aber ich habe viele, sehr viele Menschen getroffen, die gegen ihren Willen in destruktive psychische Spiele hineingezogen wurden. Ich habe sie als Gegenparteien und eigene Mandanten getroffen.

Viele von ihnen haben fürchterlich gekämpft, um aus diesen negativen Spiralen herauszukommen. Einige haben es geschafft.

 Weiter unten habe ich einige Gedanken dazu gesammelt, warum solche Prozesse entstehen, was sie antreibt und wie man sich in solchen Problemsituationen verhalten kann.

Strategie Nr. 1: Volle Konfrontation. Nimmt der Gegner sich sein Recht selbst? Tritt er beleidigend auf? Kommt er ständig mit kleinen Provokationen?

Möchten Sie all das zurückgeben? Versuchen Sie es! Weisen Sie ihn zurecht! Kritisieren Sie ihn! Zahlen Sie es ihm heim!

Aber denken Sie daran, dass es ungefähr genauso abschreckend ist, einen “echten Querulanten” zurechzuweisen oder anzuzeigen, wie einen Masochisten auszupeitschen.

Strategie Nr. 2: Stellen Sie eine sichere Diagnose. Sind Sie wirklich sicher darüber, ob der Gegner ein Querulant ist oder nicht? Es gibt viele Methoden, das herauszufinden. Die einfachste ist eine Folge von kleinen Provokationen, “mit denen sich nur ein echter Querulant abgeben wird”.

Trotzdem ist mein Rat: Es ist besser, mit einer Unsicherheit zu leben, als mit einem Nachbarn, der jeden kleinen Test als (fast) endgültigen Beweis dafür nimmt, es mit einem echten Querulanten zu tun zu haben.

Etwas zu dem Komplex der Ursachen. Es gibt keine zwei gleichen Konflikte. Aber einige gemeinsame Züge haben sie doch. Eine wichtige Erklärung scheint gerade zu sein, dass beide Parteien kontinuierlich nach den speziellen Zügen des Nachbarn suchen, die “die Erklärung” dafür sind, dass der Konflikt andauert.

Das Resultat ist ein psychologisches Spiel, das sich selbst immer weiter verstärkt. Je grösser der Konflikt wird, umso wichtiger wird es für alle Beteiligte, Anhaltspunkte dafür zu finden, die sie selbst als “unschulige Opfer” bestätigen, die Schwächen des Gegners herausstellen und “die Verantwortung dorthin stellen, wo sie hingehört”.

Strategie Nr. 3: Gewappnete Neutralität. Die sicherste Lösungu ist es, sich (stillschweigend) so zu verhalten, als ob die eigene Analyse richtig ist. Also ob die Gegenpartei ein unheilbarer Querulant ist.

Man weist nicht zurecht. Man hält Abstand. Man reduziert die Zahl der Berührungspunkte auf ein absolutes Minimum. Wenn konkrete praktische Probleme zu lösen sind so fragen Sie sich, wie Sie sich in einer solchen Situation gegenüber einer wildfremden, netten Person verhalten würden. Gehen Sie die Sache in gleicher Art und Weise an. Lassen Sie Provokationen der Gegenseite von sich abprallen. Finden Sie sich damit ab, dass das Problem ein dauerhaftes ist. Dann kann es (seltsamerweise) von selbst verschwinden.

Aber vor allem: Halten Sie Abstand, behalten Sie Ihre Diagnose für sich. Weder mit Worten noch mit Taten oder Ihrer Mimik sollten Sie das Bedürfnis des Gegners anregen, jemanden zum Streiten zu haben.

Strategie Nr. 4: Seien Sie nett und freundlich. Tut Ihnen Ihr querulantischer Nachbar ein bisschen leid? Denken Sie, dass das Leben für ihn/sie leichter sein könnte, wenn Sie selbst eine Weile lang unproblematisch und nachsichtig sind?

Das kann für den Anfang eine glänzende Strategie sein. Wenn der Prozess sich allerdings ersmal richtig festgefahren hat, kann man auf diese Weise mehr schaden als nützen. Paradoxerweise.

Zum einen ist es schwierig, glaubhaft zu wirken, wenn man keinen wirklichen Respekt vor der Gegenpartei hat. Diese Problem kann man bewältigen.

Eine ganz andere Sache ist die, dass der Gegner sie wahrscheinlich in der Rolle der “Wurzel allen Übels” braucht. Wenn Sie sich nun weigern, diese Rolle zu spielen und sich statt dessen als bestes Beispiel eines freundlichen Nachbarn aufführen, kann das zu einer gewaltigen Steigerung des Stress- und Aktivitätsniveaus führen. Es kann für Ihren Gegner lebenswichtig sein, den Beweis dafür zu sichern (oder zu erbringen), dass jemand anders als er/sie selbst für die Misere verantwortlich ist.

Das Wort “lebenswichtig” ist dabei keine Übertreibung. Eine plötzliche Destabilisierung des Konfliktes kann bei der darauf unvorbereiteten Partei zu einer akuten Depression fürhen. In extremen Fällen kann dies als Reaktion auf das Gefühl, selbst für das Geschehene verantwortlich zu sein, zum Selbstmord führen.

Etwas zur Rolle des Rechtswesens. Man kann einen Querulanten nicht dazu verurteilen ein angenehmer, netter und grosszügiger Nachbar zu sein. Mit gewissen Seiten des Problems muss man mit anderen Worten leben, wenn man nicht lieber umzieht.

Je eher man das Problem erkennt, desto eher kann man einen professionellen Konliktlöser konsultieren und desto grösser ist die Chance, dass die Sache sich nicht völig festfährt.

Bevor man den Rechtsweg beschreitet sollte man alternative Vorgehensweisen erwägen (und am besten ausprobieren). Der juristische Weg ist lang und teuer. Der Ausgang lässt sich nur schwer voraussagen, da viel von der persönlichen Wertung des Richters abhängt.

Der Rechtsweg ist dann am wichtigsten, wenn es um Probleme geht, die zu gross sind, als dass man so mit ihnen leben könnte. Eine solche Konfliktlösungsstrategie sollte dann aber Teil eines grösseren Planes sein, Abstand zwischen den Parteien zu schaffen.